Wochenbrief 44: 26.10. – 30.10.26

Die Phase zwischen Herbst- und Weihnachtsferien hat keinen besonders guten Ruf. Die neun Wochen gelten im Schulfeld als die strengsten des Jahres. Es ist die längste Unterrichtsphase ohne Ferienunterbruch. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen tiefer. Ab dieser Woche verlassen viele von uns morgens das Haus im Dunkeln und kehren am Abend erst zurück, wenn es bereits wieder dunkel ist.

Es ist die Zeit, in der alle ein wenig dünnhäutiger werden. Manches geht uns schneller auf die Nerven als noch im September, die Batterien sind nicht mehr ganz so voll und Weihnachten scheint noch erstaunlich weit entfernt. Nicht umsonst hört man jedes Jahr die Bemerkung, nun würden langsam alle ein wenig durchdrehen.

Wer derzeit durch soziale Medien scrollt, könnte allerdings einen anderen Eindruck gewinnen. Dort besteht der Herbst aus Büchern, Kerzen, Tee, Woll­decken und Spaziergängen durch bunt gefärbte Wälder. Unter dem Schlagwort cozy autumn wird die dunkle Jahreszeit geradezu zelebriert.

Die Realität einer Schule Ende Oktober sieht meist etwas anders aus. Und dennoch glaube ich, dass die Liebhaber*innen von cozy autumn einen Punkt haben.

Die besondere Qualität dieser Jahreszeit liegt vielleicht gerade darin, dass wir empfind­samer werden. Wer etwas dünnhäutiger ist, nimmt nicht nur die Belastungen des Alltags stärker wahr. Oft gilt dies auch für die schönen Dinge. Für ein gutes Buch. Für eine freundliche Begegnung auf dem Gang. Für einen sonnigen Herbsttag. Oder für das Gefühl, mit anderen gemeinsam durch eine intensive Zeit zu gehen.

Gerade an einer Schule gibt es davon mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Zwischen Prüfungen, Sitzungen, Hausaufgaben und Korrektur­arbeiten finden sich täglich kleine Momente, die den Alltag leichter machen, wenn man nicht achtlos an ihnen vorbeigeht.

Die kommenden Wochen brauchen deshalb gar keine Verteidigung gegen ihren schlechten Ruf. Wir dürfen sie annehmen, wie sie sind: manchmal anstrengend, manch­mal dunkel, gelegentlich chaotisch, aber auch voller Gelegenheiten, genauer hinzuschauen und wahrzunehmen, was sonst leicht untergeht.

Und vielleicht ist das am Ende sogar ein bisschen cozy autumn.

 

Franziska Meister, Rektorin