Wochenbrief 43: 19.10. – 23.10.26

Während der Herbstferien habe ich drei Bücher gelesen. Eines war ein Geschenk einer Freundin, deren Buchtipps mich selten enttäuschen, eines hörte ich aus Neugier auf die Diskussionen, die es ausgelöst hatte, und eines wird zu meinen Jahreshighlights gehören.

Ferienzeit ist für mich Lesezeit. An den unterrichtsfreien Tagen habe ich mehr Musse, in Bücher einzutauchen. Ich las morgens nach dem Aufwachen bei einem Kaffee, mittags, wenn ich draussen in der noch sehr warmen Herbstsonne auf Verabredungen wartete, und abends auf dem Sofa. Während des Semesters gelingt mir das seltener. Nicht, weil mir die Lust am Lesen fehlt, sondern weil sich zwischen Unterricht, Sitzungen und E-Mails leichter eine Viertelstunde finden lässt, um durch Instagram zu scrollen, als in einem Buch zu versinken. Und weil es nach einem anstrengenden Tag einfacher ist, sich von einer Netflix-Serie berieseln zu lassen, als sich auf die Seiten eines Romans einzulassen. Seit ich in der Schulleitung bin, ist mein SUB (Stapel ungelesener Bücher) gewachsen. Wer neben einem vollen Pensum mehr als zwei Dutzend Bücher im Jahr schafft, hat meine Hochachtung.

Dabei weiss ich eigentlich genau, was mir entgeht. Wenn ich lese, tauche ich für eine Weile in eine andere Welt ein oder betrachte die eigene mit neuen Augen. Während ich in den Ferien las, hatte ich immer wieder das Gefühl, etwas wiederzufinden, was im Alltag allzu leicht verloren geht: Konzentration, Ruhe und die Bereitschaft, sich länger mit einer einzigen Sache zu beschäftigen.

Deshalb freue ich mich, dass wir an der KZO ab Woche 45 bei Silence, on lit! mitmachen werden. Die Idee des Projekts: Alle unterbrechen gleichzeitig ihre Tätigkeit und lesen während fünfzehn Minuten. Schüler*innen, Lehrpersonen, Mitarbeitende und Schulleitungsmitglieder. Nicht zur Vorbereitung auf eine Prüfung, nicht für einen Lektüreauftrag, sondern jede*r in einer selbstgewählten Lektüre. Das Projekt entstand vor rund 25 Jahren an einem Gymnasium in Ankara und wird heute an zahlreichen Schulen umgesetzt.

Mich fasziniert daran besonders die Gleichzeitigkeit. Lesen ist eigentlich eine stille und individuelle Tätigkeit. Und doch entsteht gerade dadurch etwas Gemeinsames. Für einen kurzen Moment sind alle mit demselben beschäftigt.

Vielleicht entdecken wir dabei ein neues Lieblingsbuch. Vielleicht lernen wir die Lesevorlieben anderer kennen. Vielleicht merken wir auch, dass Aufmerksamkeit heute etwas Kostbares geworden ist. Fünfzehn Minuten Ruhe können bereits ein kleines Geschenk sein.

 

Franziska Meister, Rektorin