Monatsbrief Mai 2026

Ein im Fachjournal Science veröffentlichter Artikel[1] stellt eine weit verbreitete Annahme über die Entwicklung von Spitzenleistungen infrage: die Vorstellung, dass die sehr frühe und intensive Förderung von Talenten der sicherste Weg zu einer Spitzenkarriere und zur absoluten Elite ist. In einer Studie wurden Daten analysiert von über 34‘000 Hochleistenden aus verschiedenen Bereichen, z.B. Sport, Schach, klassische Musik und Wissenschaft. Das Ergebnis ist eindeutig und überraschend: Etwa 90 % der späteren Superstars waren in ihrer Jugend keine herausragenden Talente, und umgekehrt schafften nur etwa 10 % der jugendlichen Ausnahmetalente den Sprung zur Weltklasse als Erwachsene. Zudem besteht zwischen frühen Höchstleistungen und späterem Erfolg sogar eine negative Korrelation.

Erwachsene Spitzenleistende zeichneten sich durch ein charakteristisches Muster aus: Sie behielten in jungen Jahren ein breites Interessens- und Aktivitätsspektrum und blieben leistungsmässig hinter intensiv geförderten Gleichaltrigen zurück. Nobelpreisträgerinnen und -träger etwa erhielten seltener frühe Auszeichnungen, publizierten zu Beginn weniger und beschäftigten sich parallel mit diversen anderen Fachgebieten. Doch sobald sie sich spezialisierten, machten sie deutlich schneller Fortschritte.

Dass Wunderkinder selten zur Weltklasse aufsteigen, scheint eine Paradoxie der Frühförderung zu sein. Die Forschenden schlagen drei Erklärungsansätze vor, weshalb eine breite Basis zum Erfolg führt: Erstens helfen breitere Erfahrungen, das Feld zu finden, das am besten zu den individuellen Talenten passt. Zweitens wird durch die Beschäftigung mit verschiedenen Disziplinen die Lernfähigkeit an sich trainiert, was eine spätere Spezialisierung effizienter macht. Drittens schützt ein weniger intensiver Start vor Burnout und dem Verlust der Motivation.

Gemäss der Studie sollten Schulen eine breite Wissensbasis und explorative Lernphasen fördern und Schülerinnen und Schüler in verschiedenen, nicht notwendigerweise verwandten Bereichen herausfordern. Breite Bildung und das Vermeiden frühzeitiger Überförderung sind demnach keine Umwege, sondern die Königswege zu späteren Glanzleistungen. Dies sind erfreuliche Erkenntnisse.

 

Aleksandar Popov, Rektor

 


[1] www.science.org/doi/10.1126/science.adt7790