Die Schulleitung hat die Mitglieder des Fachkreises Philosophie und Religion gebeten, während des Frühlingssemesters vier Wochenbriefe zu verfassen. Der erste Beitrag stammt von Jürg Berthold.

Martin Zimmermann, Rektor

Wochenbrief 13: 27. – 31. März 2017

„Sind Menschen, die nicht abstimmen gehen, verantwortlich für das Resultat der Abstimmung? – Sind rationale Menschen dazu verurteilt, unglücklich zu sein? – Wenn wir Wissen anstreben, sollten wir dann Dinge für wahr halten, die wir noch nicht wissen? – Bin ich heute dieselbe Person, die ich gestern war?“ – Dies waren die vier Fragen des diesjährigen Halbfinals der Philosophie-Olympiade. Gesucht war eine zusammenhängende Argumentation, die auf möglichst originelle Art und Weise eine Antwort formulierte. Bewertet wurden die anonymisierten Essays jeweils von einer mindestens fünfköpfigen Jury, zu der auch die Philosophielehrer der KZO gehörten.

Kant formulierte nicht nur die bekannte Ermutigung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, sondern auch zwei weitere Grundsätze, an denen man sich beim zwangsfreien Selberdenken orientieren soll: Man solle sich an die Stelle anderer denken. Weiter solle man möglichst konsequent und folgerichtig denken. Zu den oben formulierten Fragen haben die meisten von uns wohl eine mehr oder weniger spontane Antwort, also etwa: ‚Ja, klar bin ich heute die Person, die ich gestern war.’ Die Schwierigkeit ist jetzt, wie man diese Antwort mit Überzeugungen, die wir ebenso spontan haben, in Übereinstimmung bringt, wie wir also „folgerichtig und konsequent“ argumentieren, wie Kant es verlangt. Wie passt unser erstes Ja also etwa zur Überzeugung, dass wir uns über die Jahre durchaus verändern? Und wenn beides zugleich stimmt, was sagt das über unsere Vorstellung von Körper und Geist?

Bei der Institution der Philosophie-Olympiade, die in der Schweiz seit zehn Jahren zur Familie der Wissenschaftsolympiaden gehört, geht es nicht um Spitzfindigkeiten, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit den Vorstellungen, die unser Denken bestimmen. Das Wettbewerbsmoment ist zwar der Anlass der Begegnung, viel wichtiger ist aber das Zusammenkommen junger Menschen, die auch von der Unruhe des rationalen Denkens umgetrieben sind. Dass sie keinen unglücklichen Eindruck machen, wird man diese Woche auch in Luzern beobachten können: Donnerstag bis Sonntag treffen sich dort an der Universität die zwölf Finalistinnen und Finalisten, nicht nur um am Samstagvormittag einen vierstündigen Essay zu verfassen, sondern vor allem auch, um mit jungen Philosophieinteressierten bis spät in die Nacht über Gott und die Welt zu diskutieren. Vier werden aus der Romandie anreisen, so dass in allen Gesprächen immer auch die Sprache selbst anwesend sein wird. Die beiden Gewinner werden die Schweiz im Mai in Rotterdam an der Internationalen Olympiade vertreten. Vielleicht ist dann ja auch Isaias Moser (M6a) dabei. Letztes Jahr fuhren zwei KZOler an die Internationale Olympiade ins Belgische Gent.

Für die Philosophie-Fachschaft, Jürg Berthold

PS Für die nächste Runde kann man sich ab Herbst qualifizieren, indem man einen zu Hause verfassten Essay zu einem von vier Themen einreicht! (Informationen auf www.swissphilo.ch)