Wochenbrief 43: 23. – 27. Oktober 2017

Wie ein Gefängnis sieht die alte französische „Bibliothèque Nationale“ im Film von Alain Resnais aus dem Jahr 1956 aus. Der Dokumentarfilm „Toute la mémoire du monde“ zeigt die Gebäude der altehrwürdigen Institution als Festung, in der alles sicher aufbewahrt wird, was die Menschheit ausmacht. Es ist ein grossartiger Film, der auch auf youtube, diesem neuen Speichermedium, zu sehen ist.

Resnais verfolgt mit seiner Kamera den Weg einer Publikation durch die Bibliothek. Zunächst liefern uniformierte Beamte Bücher in einem Empfangsbüro ab. Dort werden sie abgestempelt, zugeordnet, katalogisiert, fichiert. Worum geht es in den Büchern? In welche Abteilung gehören sie? Welche Stichworte können ihnen zugeordnet werden?

Schliesslich wird das einzelne Exemplar an den ihm zugewiesenen Platz gestellt. Dort bleibt es, quasi weggeschlossen und verwahrt, bis es jemand nach der Katalogsuche in der Bibliothek bestellt. Dann erst findet es gewissermassen zum Leben. Erst wenn jemand den Text liest, sich mit ihm auseinandersetzt, sich ihn aneignet, verinnerlicht und zu neuen Erkenntnissen verarbeitet, erst dann hat das Buch seine Bestimmung gefunden.

Wenn es die sorgfältige Arbeit der Leute in der Bibliothek nicht gäbe, ginge die „mémoire du monde“ verloren. Es wäre nicht mehr möglich, Erkenntnisse aus früheren Zeiten durch eine eigene Lektüre zu aktualisieren und für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Das letzte Wort des Films lautet „bonheur“. Die Pflege der Wissensbestände und die Arbeit mit der „mémoire du monde“ gehören zu einem Projekt der Sinn- oder der Glückssuche, behauptet der Regisseur Alain Resnais.

Heute steht neben den Bibliotheken natürlich auch der riesige Speicher Internet zur Verfügung. Auch dort wird Wissen gesammelt und durch Suchmaschinen geordnet. Das Grundproblem bleibt aber gleich wie in der Bibliothek: Wie kommt man zu den richtigen Informationen? Wie kann man diese produktiv machen für die eigenen Überlegungen und Vorhaben?

Als Schule gehört es zu unseren Aufgaben, den Jugendlichen dabei behilflich zu sein, sich in die verschiedenen Wissensspeicher zu begeben. Dabei denke ich nicht nur an die Lehrpersonen im Unterricht, sondern auch an unsere Mediothekarinnen, welche durch ihre tägliche Arbeit Informationskompetenz vermitteln.

Ich wünsche allen einen guten Start ins lange Quartal bis Weihnachten und viel Glück beim Stöbern in der „Mémoire du monde“.

Martin Zimmermann, Rektor