Walter Schmids Verdienste für die KZO

(Dieser Text stammt von Veronica Bruppacher. Er ist im Jahresbericht 1983 der KZO abgedruckt. Erstmals erschienen ist er im Zürcher Oberländer vom 7. Oktober 1983. Hier steht er auch als pdf zur Verfügung.)

Zur Pensionierung von Prof. Dr. Walter Schmid

Wenn die Kantonsschule Zürcher Oberland am 24. Oktober ihre Tore für das Wintersemester öffnet, wird manchen Lehrer, Mitarbeiter — und auch Schüler — ein seltsames Gefühl beschleichen: Prof. Dr. Walter Schmid wird an diesem Tag nicht mehr als „Aktiver” mit dabei sein. Am Montag, dem 25. April 1955, morgens um 7.15 Uhr, in der Geburtsstunde der KZO, hat er seinen Unterricht in Wetzikon aufgenommen, heute, am 7. Oktober 1983 um 12.30 Uhr, wird er ihn beenden. Das ist nicht irgendein Rücktritt, wie ihn jede Schule, jedes Unternehmen immer wieder erlebt; es ist für die KZO das Ende einer Ära, der Ära Schmid.

In der Tat hat der nunmehr aus dem Schuldienst Scheidende, der am letzten Samstag seinen 65. Geburtstag feiern konnte, während mehr als der Hälfte seines bisherigen Lebens seine besten Kräfte gestaltend, leitend und prägend für die KZO eingesetzt.

Rüti, wo er seine Jugend verbrachte, Tann, wo er nach seiner Verheiratung wohnte, und Wetzikon, wo er 1959 mit seiner Familie ein eigenes Haus bezog, das ist der äussere Rahmen seines Lebens. Nach dem Besuch der Primär- und Sekundarschule in Rüti wechselte er an die Handelsschule Zürich über, erwarb die Maturität und studierte anschliessend Romanistik und Arabisch an den Universitäten Zürich und Genf. Es war die Zeit des Zweiten Weltkrieges, anstelle von Auslandreisen und -aufenthalten, ohne die ein heutiger Philologiestudent sich sein Studium kaum mehr vorstellen kann, bildete der häufige Aktivdienst die einzige „Abwechslung" zum dadurch um so strengeren Universitätsalltag. Im Jahre 1945 schloss Walter Schmid sein Studium mit dem Doktorat ab. Erst von da an konnte er durch wiederholte Aufenthalte in Frankreich, Italien und Spanien den lebendigen Kontakt mit der Romania wirklich finden.

Nach der obligaten Hilfslehrerzeit an verschiedenen Mittelschulen wurde Walter Schmid 1952 als Hauptlehrer an die Kantonale Handelsschule Zürich gewählt. Im Schuljahr 1955/56 unterrichtete er je zur Hälfte in Zürich und an der eben eröffneten KZO, und bereits auf den Frühling 1956 übernahm er, als erster und zunächst einziger Romanist, ein volles Pensum an der jungen Oberländer Mittelschule. Ein Jahr später, auf den 16. April 1957 wählte ihn der Regierungsrat zum ersten Prorektor der KZO, und diese Stellung hat er innegehabt bis zum 16. April 1981. An diesem Tag legte er — wie sein Kollege Rektor Hans Surbeck — das Amt in jüngere Hände, um sich während der letzten Jahre noch einmal „unbeschwert” völlig dem Unterricht widmen zu können.

Der Lehrer Walter Schmid hat in seiner Laufbahn etwas zustande gebracht, was ihm nicht so bald einer nachtun wird, er hat vier Fremdsprachen unterrichtet: Französisch und Spanisch während der ganzen Zeit seines Lehramtes; in den ersten Jahren der KZO gleichzeitig noch Italienisch, und in der letzten Zeit hat er sogar die Idee verwirklicht, interessierte Schüler in die Anfangsgründe des Arabischen einzuführen. Wenn ein Lehrer eine solche Breite des Wissens besitzt, empfangen die Schüler über die rein sprachliche Grundlage hinaus noch eine Fülle von Anregungen fachlicher, kultureller, aber auch menschlicher Art, die ihnen den Unterricht erst recht liebenswert machen und ihn später zu einer bleibenden Erinnerung werden lassen. Das kann man immer wieder von seinen „Ehemaligen'' hören.

Walter Schmid ist ein echter Zürcher Oberländer. So wehrte er sich im Lehrerkonvent mehrmals empört — und mit Erfolg — für die Beibehaltung der Tradition, wenn „fremde Elemente'' im Kollegium leise andeuteten, man könnte doch anstelle des freien Fasnachtsmontages vielleicht den Sechseläutemontag zum schulfreien Tag erklären . . . Aber sein Blick, sein Interesse und sein Verständnis reichen seit seiner Studienzeit von den Bachtelhängen über das Welschland nach Frankreich, nach Italien, nach Spanien und bis in den arabischen Kulturkreis hinein. Die tiefe Verwurzelung in der engeren Heimat, verbunden mit der lebendigen Aufgeschlossenheit für die weite Welt, — das fruchtbare Nebeneinander von Nähe und Ferne — das ist ein bezeichnender Wesenszug unseres zurücktretenden Kollegen.

Doch Walter Schmid war nicht nur Lehrer; er war Hauptmann der Infanterie, er war Schulpfleger und während eines Jahres, bis zu seinem Wegzug aus der Gemeinde, Präsident der Oberstufenschulpflege Dürnten. Er war es, der der Volkshochschule Wetzikon neue Impulse gab und sie während Jahren leitete. Sein Eigentlichstes indessen, das, wofür ihm die ganze KZO zu grösstem Dank verpflichtet ist, ist sein Einsatz in der Schulleitung. Mitdenkend und mitlenkend hat er einen wesentlichen Beitrag geleistet zum Klima, zur Qualität, zu den Traditionen der Schule, zu vielen Dingen, welche den später Dazugekommenen selbstverständlich erscheinen. Es ist heute kaum mehr im Einzelnen herauszukristallisieren, was alles auf seine Anregung zurückgeht; vieles davon ist zum Gemeingut der KZO geworden.
Zum Pflichtenheft von Prorektor Schmid gehörten unter anderem das gesamte Budget der Schule, das Stipendienwesen, das hauswirtschaftliche Praktikum, die Aufnahme- und die Maturitätsprüfungen, der Kontakt mit den Fahrplaninstanzen (da er selber nie ein Auto anschaffen wollte, schlug sein Herz besonders für die Schüler, die unter ungünstigen Verkehrsbedingungen zu leiden hatten). In ail diesen Domänen hat Walter Schmid mit grösser Sachkenntnis, mit Behutsamkeit und Takt, aber auch mit Festigkeit und Nachdruck, wo es nötig war, sich für die KZO eingesetzt, immer mit sicherem Gefühl für das wirklich Erreichbare.

Spezielle Sorgfalt verwendete Prorektor Schmid auf die Vorbereitung und Durchführung der alljährlichen Aufnahmeprüfungen. Diesen Teil seines früheren Amtes hat er auch bis zum letzten Frühling weiterausgeübt. Hier zeigte sich besonders deutlich sein mit viel Menschlichkeit gepaartes Organisationstalent. Er dachte sich hinein in die Lage der jungen Prüflinge, er kannte die Probleme der Primär- und Sekundarlehrer, und er vergass auch nicht die Sorgen der Eltern. Unablässig bemühte er sich, in mehr als zwanzigjähriger Zusammenarbeit mit der Sekretärin Ruth Kurth, um eine ständige Verbesserung der Prüfungsbedingungen und um besseren menschlichen Kontakt zwischen allen Beteiligten.

Im übrigen gehörte Walter Schmid durchaus nicht zu jenen, die die Schule ständig, quasi atemlos, verändern möchten. Er zeigte eine grosse Gelassenheit gegenüber allen Arten von Übereifer, war jedoch selber stets auf der Suche nach neuen Lösungen. Als Prorektor hat er oft genug erfahren, dass es nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer mit „Schulschwierigkeiten” gibt; auch mit ihnen hat er sich abgegeben, er hat zugehört, vermittelt, geholfen.

Es war eine seiner besonderen Fähigkeiten, nach hitzigen Debatten, nach Streitigkeiten — und wo gibt es das nicht? — den Weg zurück zu finden, dem Humor wieder die Türe zu öffnen, die gute Stimmung wieder herzustellen.

Dies sind Gaben, die nicht nur im Beruf, sondern auch im privaten Leben, auf allen Lebensstufen und in allen menschlichen Beziehungen ihren Wert behalten. So wird Walter Schmid, der die heute so modische Trennung von Beruf und Hobby weder auf der sachlichen noch auf der menschlichen Ebene kannte, auch den Einstieg in die „dritte Lebenshälfte" mit dem ihm eigenen Charme und Elan vollziehen. Er darf dabei der grossen Dankbarkeit all jener gewiss sein, die im Laufe der Jahre in irgendeiner Form mit ihm zusammengearbeitet haben. Unsere herzlichen Wünsche begleiten ihn und seine Gattin in eine „freiere" Zukunft.

Veronica Bruppacher
(„Der Zürcher Oberländer" 7.10.1983)