Offener Brief von Andrea Schmid

Liebe Schülerschaft, liebes Kollegium, liebe Schulleitung

„Der echte Revolutionär rebelliert nicht gegen Missbräuche sondern gegen Bräuche.“
-José Ortega y Gasset-

Wer weiss, vielleicht wären wir gescheitert. Vielleicht hätten wir alles noch viel schlimmer gemacht. Die Sache hätte ausarten können. Man stelle sich vor: Vandalismus, Schlägereien, ein riesen Polizeiaufgebot auf der Freitreppe. Szenarien, die der Schulleitung wohl vorschwebten und die sie zum Wohl der SuS, LP und SL zu verhindern wusste. Die Schulleitung hat eine überbordende Masse randalierender Maturanden in die Schranken gewiesen. Der Maturandentag 2014 findet nicht statt. Wir Maturanden werden keine Möglichkeit haben, die über sechs Jahre angestauten Rachegedanken an den jüngeren Schülern mit Wasser und Farbe auszuleben. Was sind schon 194 deprimierte Schüler, wenn dafür 1368 trocken bleiben?

Es ist schwierig die Gefühlslage eines ganzen Jahrgangs zu unterdrücken. Wer weiss, vielleicht hätten wir es geschafft. Wir hätten unsern letzten Schultag friedlich verbringen können, ihn als eine letzte Chance gesehen, dieser Schule unsern Stempel aufzudrücken. Wir, die wissen, was es heisst als kleiner U1ler in ein Planschbecken geworfen zu werden, hätten vielleicht einen kreativen Maturandentag organisiert, der unserem Jahrgang gerecht geworden wäre. Wir hätten unsere Lust am schändlichen Tun zurückgesteckt und eine neue Ära der Maturandentage eingeleitet. Letzte Schultage, die nicht von Hass gegen die Schule und alle, die mit ihr zu tun haben, geprägt sind, sondern von Feierlaune und gesunder Schadenfreude. Wir werden es nie erfahren! Mit der Kollektivstrafe gegen uns und künftige Jahrgänge, haben unsere Vormaturanden die Möglichkeit vereitelt zu zeigen, dass man über dem Niveau blosser Demütigung stehen kann.

Der Maturandentag war eine Chance, die uns die Schulleitung gab. Eine Gelegenheit die Freude dieses Stück Schulkarriere hinter uns zu lassen, auszudrücken. Gleichzeitig war der Maturandentag aber auch eine schwere und zu unrecht unbenotete Prüfung auf dem Weg zur Maturitätsreife. Ein ganzer Jahrgang bekommt die Aufgabe zusammen ein Konzept für einen Tag zu entwerfen und diesen durchzuführen. Ich mache allen Maturjahrgängen, die ich an dieser Schule schon erlebt habe, einen gewaltigen Plagiatsvorwurf. Sie haben den Maturandentag früherer Jahre als Brauch und Tradition aufgefasst und den Ablauf ihres letzten Schultags nie wirklich verändert. Sie wollten mit ihren letzten Schultagen gegen das System der Schule und die ewig gleichen Abläufe des Schulalltags ankämpfen, doch nie setzte jemand ein Zeichen gegen den ewig gleichen Ablauf des Maturandentags. Dieser war immer anders, aber keiner war neu!

Wir haben diese Chance nun nicht mehr, an diesem finstersten Tag aller U-Schüler etwas zu ändern. Die Schulleitung drückt uns ein Maturzeugnis in die Hand, ohne uns gleichzeitig die Reife zu attestieren einen friedlichen und kreativen Maturandentag zu organisieren. Darum appelliere ich an alle künftigen Jahrgänge: Es liegt nicht prinzipiell im Wesen eines Maturanden, jüngere Schüler mit Mehl und Zuckerwasser vollzumachen. Und alles was zur Schulleitung zu sagen ist, hat José Ortega y Gasset schon gesagt.

Für den Maturjahrgang 2014
Andrea Schmid, A6