Die Schulleitung hat den ehemaligen KZO-Lehrer Ueli Hepp gebeten, im Frühlingssemester vier Wochenbriefe zu verfassen. Dies ist sein zweiter Beitrag.

Martin Zimmermann, Rektor

Wochenbrief 16: 14. – 18.4.14

Natürlich frage ich mich manchmal, warum abwaschen neben ein paar weiteren alltäglichkeiten zu den dingen gehört, die ich immer wieder gerne tue. «Früh übt sich … » hätte man früher gesagt angesichts der tatsache, dass mithilfe im haushalt in meiner kindheit eine selbstverständlichkeit war. Heute nennt man es «frühkindliche prägung»; doch das tönt mir zu mechanistisch und zu sehr nach dressur. Denn dressur war es sicher nie, wenn meine mutter sagte: «Heute darfst du mir beim wäsche hängen helfen.» Das war ein versprechen und weckte köstliche vorfreude auf jene triumphalen momente, wo ich beim setzen der wäschestützen die tief hängende leine hoch in den himmel hinaufhieven konnte, umhüllt vom duft der frisch gewaschenen leintücher. Momente, denen ich heute hie und da wieder begegne, wenn ich einer jungen Mutter an der Supermarktkasse zuhöre, wie sie ihren tätigkeitsgierigen sprössling aufmuntert: «Jetzt darfst du das auf das band legen.» Immer eine erfreuliche szene, denn da wird auch in unserer durchmechanisierten, bequemlichkeitsgeilen welt die freude am tätig sein gehegt und gefördert, die erfahrung, dass tatkräftiges eingreifen möglich ist und geschätzt wird. Ganz abgesehen davon, dass damit spontane physische energie zu produktivem einsatz kommt und dass das kind sich als mitglied eines teams erlebt. Und natürlich die genugtuung, greifbar auf die welt eingewirkt zu haben.

In der arbeit eines sprachlehrers und übersetzers fehlen derart greifbare ergebnisse weitgehend. Sowohl die alltägliche fliessbandarbeit als auch sensationelle erstbesteigungen finden da vor allem im kopf ‒ und in den köpfen der schüler ‒ statt, und hinterlassen kaum augenfällige spuren in der physischen welt. Da hat es ein maurer einfacher, wenn er am abend auf sein tagewerk zurückblickt. Auch nach jahren kann da immer wieder der stolz aufscheinen «Das habe ich gemacht», wenn der mann an einem haus vorbeigeht, das er damals ‒ zusammen mit andern ‒ gebaut hat. Jedenfalls ist das genau das gefühl, mit dem ich jeweils in Oetwil das gebäude erblicke, wo ich im matursommer 1961 drei wochen lang als handlanger tätig war. Etwas ähnliches geschieht, wenn ich dann das geschirr abtrockne und versorge: die welt hat sich dank meinem tun verändert. Das Englisch meiner Schüler hingegen, das ich stück für stücklein aufbauen half und noch helfe, ist mir nur in wenigen fällen ähnlich greifbar geworden, und nie unmittelbar nach abschluss einer unterrichtsstunde. Mag wohl sein, dass ich gerade deshalb immer wieder gern auch dinge tue, die mit meinem intellektuellen kerngeschäft so gar nichts zu tun haben ‒ wenigstens nicht auf den ersten blick.

Ueli Hepp
u.hepp@bluewin.ch

Was die schreibung des textes betrifft (stichwort Namen-grossschreibung, wie in allen übrigen sprachen Europas), finden sich hier weitere informationen: http://www.sprache.org/bvr  (unter: ziele des bvr / regeln).