Wochenbrief 03: 16. bis 20. Januar 2017

Ein ehemaliger Lehrer bedankte sich bei mir ganz herzlich für den neuen Jahresbericht der KZO. Allerdings fragte er auch kritisch, ob wir denn nicht vor allem die Sonnenseiten der Schule zeigen würden. Ja, antwortete ich, diese Tendenz gebe es vermutlich, ich könne mir aber durchaus auch vorstellen, einmal als Schwerpunktthema das „Elend der Schule“ zu behandeln.

Wir alle kennen Schattenseiten, die fest zur Schule gehören. Ich habe sie am eigenen Leib erfahren und erzähle deshalb zwei Begebenheiten, die einen Aspekt dieses „Elends der Schule“ illustrieren mögen.

Als ich im Untergymnasium war, stellte uns der Musiklehrer „Die Moldau“ von Friedrich Smetana vor. Er erklärte zunächst einige Tonbeispiele, und ich war fasziniert von den Klängen und den Bildern, die entstanden: Quelle, Fluss, Stromschnellen, Bauernhochzeit etc.

Dann kündigte der Musiklehrer an, wir würden uns nun das ganze Stück anhören. Ich freute mich, machte es mir bequem, legte den Kopf auf das Pult, um möglichst wenig zu verpassen. Die quellenden Sechzehntel des Beginns erklangen und beglückten mich, als die Musik unterbrochen und ich aus dem Zimmer verwiesen wurde. Es sei eine Schande, dass ich nicht zuhören wolle, da könne ich gleich gehen. Niedergeschmettert sass ich draussen vor der Tür und war traurig, Opfer einer Ungerechtigkeit geworden zu sein.

Aber auch als Lehrer habe ich Erfahrung mit dem „Elend der Schule“. Kürzlich fand ich in meinen Unterlagen eine Beurteilung einer Schülerarbeit über den Roman „Die Konsequenz“ von Alexander Ziegler. Es geht darin um zwei homosexuelle Jugendliche, welche mit ihrer Liebe auf den erbitterten Widerstand ihres Umfelds stossen. Ich hatte in meinem Kommentar vor 15 Jahren dem Schüler beschieden, er habe sich sehr engagiert mit dem Roman befasst, man spüre seine Empathie, aber es fehle halt die wissenschaftliche Distanz, mit der man an ein literarisches Werk herantreten müsse. Als ich das nun wieder las, war ich peinlich berührt, weil ich damals offensichtlich nicht gemerkt hatte, wie persönlich involviert der junge Mann war.

Ich erinnerte mich nämlich, wie er kurz vor der Matur in einer Deutschlektion über seine Homosexualität gesprochen hatte. Es tut mir noch heute leid, dass ich ihm und seiner Literaturarbeit nicht gerecht geworden bin, obwohl ich aus fachlicher Sicht vielleicht eine vertretbare Beurteilung geschrieben hatte.
Glanz und Elend der Institution Schule liegen sehr nahe beieinander.

Martin Zimmermann, Rektor

PS: Es passt gut zur zweiten Episode in diesem Wochenbrief, wenn ich auf die Präsentation der Maturarbeiten von Rouven Nussbaumer und Tina Zimmerli hinweise: Montag, 16.1., 19.30 Uhr im Singsaal. Es geht um Fragen der sexuellen Identität.