Wochenbrief 35: 29. August – 2. September 2016

(Bild: rwagner.eu/August-Sander-Schule-Archiv121122/sanderBio.htm, Download 25.8.16)

In den Ferien besuchte ich eine Ausstellung und stand plötzlich frappiert vor dieser Fotografie aus dem Jahr 1928. Sie wäre mir wohl ohne Legende kaum besonders aufgefallen. Aber weil der Fotograf August Sander angibt, er habe hier einen „Junglehrer“ porträtiert, irritierte und beunruhigte mich das Bild.

Der junge Mann zeigt sich hier als Jäger. Im Hintergrund sieht man Bäume, nur verschwommen kann man ganz hinten ein Dorf oder eine Stadt vermuten, in der sich wohl auch ein Schulhaus finden liesse. Der Mann steht auf Waldboden, sein Schuhwerk ist so fest, dass er gleich auf einen Streifzug gehen könnte. Während der wache Blick des Hundes vielleicht ein potenzielles Opfers sucht, richtet sich der Blick des Porträtierten auf den Betrachter. Muss man nicht das Gefühl haben, man könnte selber zum Objekt der Junglehrer-Jagdlust werden?

Schaut man genauer hin, erkennt man eine gewisse Unsicherheit im Gesicht des Mannes. Die Kleidung, die Pose und der Hund gehören offensichtlich eher zu einer Art Panzer, mit der sich der Mann vor seiner Umgebung – dem unheimlichen Wald? – schützen will.

Wahrscheinlich beunruhigte mich das noch mehr als die Jägerpose des Junglehrers. Als Lehrperson ist es denkbar ungünstig, wenn man Panzer aufbaut. Viel wichtiger ist das, was man – vielleicht etwas modisch – Authentizität genannt hat. Wer vor einer Klasse steht, soll nicht die Lehrperson, die Fachperson oder die Autorität spielen, er soll sie möglichst einfach sein. Das heisst, man darf auch mal Unsicherheit zeigen.

Martin Zimmermann, Rektor