Wochenbrief 16: 13. – 17. April 2015

Thomas Greber, Französisch- und Deutschschlehrer an der KZO, wies mich auf das Buch hin. Der Essayband „Stil und Moral“ von Lukas Bärfuss sei sehr lesenswert. Es stünden viele kluge Bemerkungen drin, auch über die Schule.

In der Tat: Kollege Greber hatte mir nicht zu Unrecht ein Lesevergnügen versprochen. Bärfuss ist eine eigenwillige Persönlichkeit, die Überraschendes formulieren kann.
Dass seine Essays nicht akademisch wirken, ist nicht weiter erstaunlich, denn der Bildungsweg des jungen Lukas Bärfuss aus Thun führte nicht klassisch von der Primarschule zur Universität, er begann vielmehr mit einer schwierigen Familiensituation und einer gescheiterten Schulkarriere. Dann aber geschah etwas, schreibt Bärfuss:

„Ich weiss nicht, was mich rettete. Vermutlich waren es zwei Dinge. Ich las. Mit siebzehn das Lob der Torheit von Erasmus von Rotterdam. Mit achtzehn machte ich mich an Hegels Phänomenologie des Geistes und Esschenbachs Parzival. Bücher, von denen keiner, den ich kannte, je gehört hatte. Aber ich lernte, dass diese Texte weltberühmt und überall bekannt waren, ausser in meiner Heimatstadt. (...) Meine Lektüre machte mich in meiner Welt zu etwas Besonderem. Sie verlieh mir eine Identität, eine Bildung, die mich von den anderen unterschied und mir einen Wert gab (...).

So habe ich Bildung seither verstanden, als eine Möglichkeit, ein Mensch zu werden, der sich unterscheidet, der anders ist und der diese Differenz nicht als Makel, sondern als Auszeichnung versteht. Deshalb missfallen mir die Entwicklungen, die Bildung standardisieren und Leistung vergleichbar machen wollen.“

Natürlich lese ich diese Aussagen auch im Hinblick auf unsere Schule gerne. Das Gymnasium muss und kann den Jugendlichen neben der breiten Allgemeinbildung die Gelegenheit geben, ihre Persönlichkeit zu profilieren. Sie sollen ihre Einzigartigkeit entwickeln und darauf stolz sein.

In einer „Ode an die Lehrer“ ruft Bärfuss uns Lehrpersonen auf, die Schule entsprechend zu gestalten:

„Kümmern Sie sich nicht nur um Lehrpläne / Nicht nur um Fachdidaktik und Evaluationen / Das ist den Kindern alles einerlei / Sie brauchen keine Systeme / Kinder brauchen keine Schule / Aber sie brauchen Lehrer / Die Kinder brauchen Sie / Ihre Leidenschaften / Ihre Begeisterung / Ihr Unverständnis / und auch Ihren Ärger und die Angst / Kinder brauchen Erwachsene / die ihnen zeigen / wie das gehen könnte / dieses Spiel / ein Mensch zu werden.“

Martin Zimmermann, Rektor

Angaben zum zitierten Buch:
Lukas Bärfuss, Stil und Moral. Essays, Wallstein Göttingen 2015