Wochenbrief 40: 29. September – 3. Oktober 2014

Ich komme nach meinem Urlaub wieder sehr gerne an die KZO zurück. Ganz besonders freue ich mich auf all die Menschen, die an unserer Schule arbeiten und mit denen man sich über so vieles austauschen kann.

Es fehlte mir beispielsweise, beim Mittagessen in der Mensa mit den Spezialisten über den Einstand des neuen Fussball-Nationaltrainers zu sprechen. Gerne hätte ich auch die Meinungen meiner KollegInnen zu den Aussagen eines Bundesrats erfahren, der sich zum Thema Steueroptimierungen geäussert hat. Und wie beurteilen die HistorikerInnen den Ukraine-Konflikt? Was sagt die Russischlehrerin dazu?  Was sagen andere, die sich im Osten auskennen?

Sicher hätte ich auch das Gespräch über den Aufsatz „Das Verschwinden des Wissens“ von Konrad Paul Liessmann gesucht, der in der NZZ vom 15. September gegen die „Kompetenzorientierung“ im Bildungswesen polemisierte. Liessmanns Befund ist vernichtend: „Blickt man genauer hin, muss man erkennen, dass sich unter dem Deckmantel der Kompetenzorientierung eine Grundkonstellation des Erkennens und damit der Bildung glatt in ihr Gegenteil verwandelt hat.“
Die Schülerinnen und Schüler müssten nichts mehr wissen, sondern sich lediglich so verhalten, wie der Lehrplan es verlangt, sagt Liessmann. Ein Beispiel aus Österreich zeigt dies deutlich: Verlangt wird nämlich, dass die Schülerinnen und Schüler „zu sprachkritischen Diskursen (feministische Sprachkritik, politisch korrekte Sprache) beitragen“.

Sicher hat Liessmann zudem Recht, wenn er sich über die Formulierung bestimmter Kompetenzen lustig macht (etwa „Kompetenzorientierungskompetenz“). Ich erinnere mich selber, wie schon vor Jahren im Fach Französisch von der Kompetenz „jemanden begrüssen können“ die Rede war. Die Schülerinnen und Schüler lernten dann einfach die Vokabel „bonjour“. So ist „Kompetenzorientierung“ tatsächlich ein aufgeblasenes Nichts.

Anderseits bin ich – vermutlich nicht anders als Liessmann – der Meinung, die Schule müsse die Jugendlichen dazu führen, sich in der Welt zurechtzufinden. Dazu gehört zweifellos viel Wissen, aber ein gebildeter Mensch wird noch mehr als Fakten brauchen. Er muss kompetent sein, Phänomene und Situationen einschätzen zu können und daraus die richtigen Konsequenzen für sein eigenes wertbewusstes Tun zu ziehen. An einem so verstandenen Kompetenzbegriff soll man ruhig festhalten.

Martin Zimmermann, Rektor

PS: Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen, welche mit einiger Mehrarbeit meine Stellvertretung übernommen haben, allen voran Thomas Kradolfer, Christine Schüpbach, Roger Vuk, Caroline Wach und Thomas Stecher. Den Mitgliedern der Schulkommission, welche die Wochenbriefe geschrieben haben, bin ich dankbar für die interessanten Beiträge!