In der berühmten Rütli-Szene aus Schillers „Wilhelm Tell“ sagt Meier, einer der Anwesenden, zu seinem Kontrahenten Reding: „Wir sind Feinde vor Gericht, / Hier sind wir einig.“ Die beiden Schweizer sind zwar in einen Rechtsstreit verwickelt, aber in diesem Moment ist ihnen die Zugehörigkeit zum Projekt Eidgenossenschaft wichtiger.
Die Aussage von Reding ist mir aufgefallen, als ich letzte Woche eine Deutsch-Lektion besuchte. Mehrere Schülerinnen und Schüler hatten in ihren Beiträgen darauf Bezug genommen, und der Satz klang in mir intensiv nach.
Vermutlich liegt dies daran, dass ich noch letzte Woche im Rahmen einer Weiterbildungsreise in einem Land war, in dem das Rechtssystem als unsicher wahrgenommen wird. Dort entscheidet nicht das sorgfältig abwägende Gericht einen Rechtsstreit, sondern Geld, Macht, Gewalt. Über derartige Erfahrungen mit einer willkürlichen Justiz wurde uns mehrfach berichtet.
Vielleicht ist mir der Satz aber auch deshalb aufgefallen, weil ich im Moment mit Rekursen beschäftigt bin. Die Rekurrierenden und wir als Gegenpartei formulieren die Repliken und Dupliken in der Sache hart. Beide Seiten beharren auf der Rechtmässigkeit des eigenen Standpunkts. Das ist zweifellos auch richtig so: Es geht darum, die Ausgangslage zuhanden der legitimierten Entscheidungsinstanz möglichst klar darzulegen. Obwohl die Arbeit für uns gelegentlich aufwändig, knifflig und belastend sein kann, bin ich froh, dass es bei uns Rechtsmittel gibt, die man ergreifen kann.
Im Sinne von Schiller muss man sogar weiter gehen. Wer sich auf einen Rechtsstreit einlässt, beweist damit eine starke Verbundenheit mit dem Gegner, weil man sich auf ein gemeinsames Regelwerk bezieht. Solange diese Basis respektiert wird, kann der Streit zwar heftig sein, aber er bestätigt immer auch, dass man sich auf einer ganz grundsätzlichen Ebene einig ist.
Auf den eingangs erwähnten Satz von Reding reagiert Stauffacher lakonisch: „Das ist brav gesprochen.“ Dies ist aber keineswegs als billiges Lob für eine kleinmütige Unterordnung unter ein gegebenes Rechtssystem zu verstehen. Im Gegenteil: „brav“ bedeutet „tapfer, mutig“. Schiller weiss, dass es einen starken Entscheid von Reding braucht, wenn dieser den Bund über das eigene zufällige Interesse stellen soll. Es gilt selbständig zu unterscheiden zwischen wichtigen Gütern und noch wichtigeren Gütern.
Martin Zimmermann, Rektor
PS: Es wäre schade, wenn jemand die diesjährige Ausstellung der Quartalsarbeiten im Aula-Foyer verpassen würden. Die Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen präsentieren die Werke, die sie im Fach Bildnerisches Gestalten selbständig erarbeitet haben. Die Resultate sind bemerkenswert!